Basti, so wie er uns in Erinnerung ist
Basti wurde am 31. Januar 1977 per Kaiserschnitt geboren, frühmorgens. Sebastian, das war zu der Zeit ein ziemlicher Modename, aber er klang schön und außerdem war er auch in der Familie: Fritz‘ Großonkel hieß Sebastian.
Basti war ein sehr sanftes Baby und Kleinkind; Er hatte ein wenig Babyspeck und bekam den liebevollen Spitznamen „Mops“ verpasst, woraufhin er im Alter von zwei Jahren sein erstes Bonmot prägte und breit grinsend von sich selbst sagte: „Ich bin der Moss.“
Mit vier Jahren kam Basti in den Kindergarten in der Kriemhildenstraße in Germering, in dem er sich recht wohlfühlte. Er gehörte sicher eher zu den ruhigen, unauffälligen Kindern. Mit einigen seiner Kindergartenfreunde war er noch bis über die Gymnasialzeit hinaus befreundet. Er begann, sich für Schach und Tischtennis zu interessieren, und lieferte sich stundenlange Matches mit seinen Freunden. Außerdem liebte er Comics, besonders Lucky Luke und Asterix.
Mit sechseinhalb Jahren kam er in die Grundschule an der Wittelsbacherstraße. Als er mit sieben Jahren erfuhr, dass er eine kleine Schwester bekommen würde, war er sehr enttäuscht und verkroch sich unter dem Tisch: Er hätte viel lieber einen kleinen Bruder gehabt. Aber er versöhnte sich schnell mit Annikas Anwesenheit und war später ein fürsorglicher großer Bruder. Er erzählte ihr stundenlange selbst erdachte Geschichten von Knupp, dem Knödel, kreierte mit ihr ein Geheimrezept bestehend aus Spiegeleiern, in der Pfanne beidseitig gebraten (= Pizzaboden), fertigen Spätzle darüber (= Pizzabelag) und dazu, ganz wichtig, je eine Breze. Er holte sie auch mal von der Schule ab, um Jungen einzuschüchtern, die sie ärgern wollten. Er brachte Annika außerdem die Namen sämtlicher Fußballspieler des von ihm heiß verehrten FC Bayern und der Nationalmannschaft (unter anderem eines Mittelfeldspielers namens Pierre Litbasti) bei, was bei seinen Freunden großen Eindruck hinterließ.
Basti war in Gruppen, etwa in der Schulklasse, nie eine Anführerpersönlichkeit und kein Hau-Drauf-Typ, doch mit seiner ruhigen, unaufdringlichen Art schien er überall klarzukommen und zufrieden zu sein. Er hatte immer sehr genaue Vorstellungen und war selig, als er etwa seine heiß ersehnten PU-MER Noppenschuhe bekam. Auf die Frage, warum er eines seiner Matchboxautos auf den Namen „Bulv-Auto“ getauft hatte, antwortete er feinsinnig: „Ist doch logisch, weil es ein Bulv-Auto ist.“
In der Grundschule fing Basti an, Vereinssport zu betreiben, zuerst Judo, wo er gleich nach kurzer Zeit einen Pokal gewann. Nach einem Jahr jedoch wollte er mit Judo aufhören und sich seinem zukünftigen Lieblingssport, Fußball, zuwenden, den er intensivst – mit Verein und ohne – bis in seine Studentenzeit hinein ausübte. In seiner Jugendzeit verbrachte er praktisch jeden Nachmittag mit seinen Freunden auf dem Bolzplatz. Später machte vermehrt der neu erworbene C64 mit Joystick das Rennen.
Auch seine andere große Liebe – eigentlich seine erstrangige – , die Musik, trat bereits in der Grundschule auf den Plan. Nach einem Jahr Blockflöte, für die er sich nicht erwärmen konnte, begann sein Heimorgel- und Klavierunterricht, den er mit großer Freude betrieb. Zur Konfirmation bekam er seine erste E-Gitarre geschenkt, und von da an war er mit dem Bluesrock infiziert und eiferte seinen großen Vorbildern wie B.B. King oder Jimi Hendrix nach. Die Gitarre war das Instrument, von dem er unzertrennlich war und das er virtuos beherrschte, quasi sein Alter Ego. Als er zum Schüleraustausch nach Australien ging, war es undenkbar für ihn, ohne seine Gitarre abzureisen. Einige Jahre später war ihm der Erwerb einer neuen, tollen Gitarre in San Francisco ganz wichtig. Sie musste jeden Abend mit ins Zimmer, er hätte sie keinesfalls über Nacht im Auto gelassen. Er hatte bald auch selbst einen Gitarrenschüler, den er unterrichtete.
Den Sprung aufs Max-Born-Gymnasium schaffte Basti ohne Probleme, wenn auch nicht mit exzellenten Noten. Aber er kam immer ganz gut durch und fiel in der Schule wohl besonders durch seinen trockenen Humor und gekonnt witzige Bemerkungen auf.
Mit sechzehn ging er für drei Monate zum Schüleraustausch nach Australien, wo es ihm sehr gut gefiel. Er lebte bei einer liebenswerten Arztfamilie, die für ihn den Aufenthalt zu einem eindrucksvollen Erlebnis machte.
Insgesamt waren seine letzten Schuljahre am Gymnasium wohl eine sehr positive Zeit: er begann, als wirklich toller Gitarrenspieler bekannt zu werden und spielte – einige Jahre lang – in seiner ersten Band. Mit diesen Band-Kumpels baute er sich in Eigenarbeit einen Übungsraum in einer alten Kasernen-Baracke am Rand von Germering aus. Er zog sich auch oft mit seinen Freunden in eine Hütte in Alling zurück, wo sie vermutlich viele coole Nachmittage verbrachten. In seinem Elternhaus in der Lilienstraße hat Basti jährlich an Fasching seine All-House-Party gefeiert und war auch sonst viel mit Freunden auf Konzerten, Partys oder Jamsessions unterwegs.
Ein Highlight in Bastis Schulzeit war das Musical, das der Abiturjahrgang auf die Beine gestellt hatte, wobei er an der musikalischen Gestaltung maßgeblich beteiligt war. Im Abiturjahr hatte Basti auch seine erste Freundin, die ins selbe Gymnasium ging. Wir kannten sie gut und mochten sie sehr, aber leider ging die Beziehung nach zwei Jahren zu Ende. Was für ein einschneidendes Erlebnis das für Basti war, konnten wir damals nicht ermessen; es ist uns erst im Lauf der Jahre klar geworden.
Nach dem Abitur war Basti ein Jahr Zivi: er betreute unter anderem seine eigene Oma, einen autistischen Schüler, eine gelähmte Frau und eine Familie, bzw. deren behindertes Kind. Gerade mit dieser Familie hatte er ein sehr herzliches Verhältnis. Nach dem Zivi-Jahr begann er eine zweijährige Berufsausbildung in einem Meinungsforschungs-Institut. Dort fühlte er sich sehr wohl und die Firma bot ihm an, ihn fest einzustellen.
Dieser Moment war eine der vielen Weggabelungen in seinem Leben, wo er sich für „links“ oder „rechts“ hätte entscheiden können und wo man im Nachhinein sagen konnte: Hätte er bloß den anderen Weg genommen, dann wäre vieles anders und besser gekommen. So entschloss er sich – was man auch nachvollziehen kann – zum Studium und später war der Weg in seine Ausbildungsfirma nicht mehr möglich.
Nach der Berufsausbildung begann er das Studium der BWL an der FH München. Es war seine eigene Entscheidung und er zog es bis zum Ende durch, aber wir hatten den Eindruck, dass er dabei nicht sehr glücklich war. Er hat einmal erzählt, dass seine maßgebliche Motivation für die Wahl dieses Studiengangs die Aussicht und die Hoffnung war, einen coolen Job zu bekommen und die Mädchen zu beeindrucken. Zu der Zeit zog er von zu Hause aus und in eine WG mit einem Freund; alles schien sich gut anzulassen.
Trotzdem gab es während des Studiums schon einige Alarmzeichen: er, der fanatische Fußballspieler, gab seinen Lieblingssport auf, weil er, sagte er, sich nicht fit genug dafür fühlte. Er spielte und sang auch in verschiedenen Bands, sagte aber, ab einem gewissen Zeitpunkt, er könne nicht mehr singen, es gehe ihm nicht gut genug. Er war dann sehr frustriert, dass die Band nach einigem Hin und Her einen neuen Sänger engagierte. Nach einer gewissen Zeit gab er alle Band-Aktivitäten auf und zog sich zurück. Er war musikalisch recht erfolgreich gewesen, hatte immer wieder Auftritte gehabt, CDs produziert, entweder mit der Band oder allein mit selbst getexteten Songs.
Basti hatte mit Anfang zwanzig eine Psychotherapie begonnen. Ob sie ihm allerdings etwas gebracht hat, wissen wir nicht – vielleicht sogar im Gegenteil.
Ein weiteres Alarmzeichen war, dass er sich immer wieder mit Freunden zerstritt, sogar mit guten und langjährigen Kumpels. Er zog sogar deshalb aus seiner WG aus. Der Familie war ganz unbegreiflich, was da vor sich ging.
Nach seinem Auszug aus der WG lebte er in seiner Wohnung in der Zenettistraße. Er beendete sein Studium mit dem BWL-Diplom. Seine Diplomarbeit schrieb er über die Wirtschaftspolitik Margaret Thatchers. Die Jobsuche lief leider ganz schlecht, und von da an wurde alles problematisch. Er hatte verschiedene Praktika, Jobs etc. und immer wieder Leerzeiten dazwischen, doch nichts klappte wirklich. Aus über fünfzig Bewerbungsgesprächen gingen nur drei oder vier Jobs hervor. Laut seinen Erzählungen gab es auch immer wieder Konflikte mit den Vorgesetzten. Für einen sensiblen Menschen wie Basti ohne dickes Fell waren diese vielen Ablehnungen und Misserfolge schlimm. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war, dass sein befristeter Vertrag in seiner letzten Firma, in der er sich sehr wohlgefühlt hatte, nicht verlängert wurde. Ab da war er zu Hause und versuchte, der Krankheit Herr zu werden.
Inwieweit Basti selbst Anteil an den Misserfolgen hatte, vermögen wir nicht zu beurteilen. Es ist sicher, dass ihm sein nicht gelingendes Berufsleben den Boden unter den Füßen weggezogen hat, auch wenn er nach außen die tapfere Fassade wahrte.
In diesen Jahren bildeten sich die Krankheitssymptome heraus: totale Erschöpfung, Ganzkörperschmerzen, psychische Belastungen. Er schloss sich einer Selbsthilfegruppe für CFS-Kranke an (chronic fatigue syndrome, chronisches Erschöpfungssyndrom). Ob es diese Krankheit wirklich gibt, medizinisch gesehen, ist umstritten. Keine medizinischen Behandlungen halfen, einschließlich versuchsweise Psychopharmaka, auch nicht ein mentales Training aus England, das zunächst vielversprechend aussah. Sein Zustand verschlimmerte sich und er konnte in den letzten zehn Jahren nicht mehr arbeiten, reduzierte seine Kontakte, gab schließlich die von ihm mit initiierte Fernseh-Fußballrunde auf, die ihm lange Halt gegeben hatte. Er isolierte sich sogar ein Jahr lang gänzlich von der Familie. Wir hielten trotzdem immer das Band zu ihm. Er hing besonders an seinen Nichten, die es liebten, wenn er ihnen etwas vorlas oder sich als Klettergerüst zur Verfügung stellte. Natürlich veränderte er sich im Laufe der Krankheit. Wir als Familie haben immer versucht, ihn zu unterstützen, soweit es uns möglich war.
Auch seine Freunde haben über viele Jahre treu zu ihm gehalten und versucht, ihn zu unterstützen, auch in kranken Zeiten – das kann man ihnen nicht hoch genug anrechnen.
Basti hat in seinem Leben die Herzen vieler Menschen berührt und in uns allen seine Spuren hinterlassen. Wir hoffen sehr, dass es ihm da, wo er jetzt ist, viel besser geht, und sind voller Liebe und Dankbarkeit, dass wir einen Teil des Wegs mit ihm gehen durften.